Nachwuchsfreuden

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Als ich 8 Jahre alt war bekam ich von meinem „68er“-Onkel eine Kamera geschenkt. Eine Mittelformat-Kamera die auf 120er Rollfilm 6×6-Negative belichtet. Natürlich keine Rollei oder Hasselblad. Es ist 1972, das Geld ist knapp. Aber die Russen hatten da was im Angebot: Lubitel 2, eine 2-äugige Spiegelreflexkamera von Ленинградское оптико-механическое объединение aus Leningrad (heute St. Petersburg), kurz LOMO.

Das Wort „Lubitel“ bedeutet soviel wie Amateur, oder Liebhaber. Die Wikipedia schreibt darüber:

„Das Design basiert auf der „Voigtländer-Brillant“-Kamera aus den frühen 1930er Jahren, jedoch mit verschiedenen Verbesserungen. Oft werden Lubitels als „Spielzeug“-Kameras betrachtet, vor allem wegen ihres niedrigen Preises, ihrer Konstruktion aus Bakelit (später anderen Kunststoffen) und ihrer gelegentlich minder guten Verarbeitung. Lubitels verwenden Mittelformat-Filme, haben ein Objektiv aus Glas und bieten verschiedene Verschlusszeiten zwischen 1/250 und „Bulb“. Die Blendenzahlen reichen von f/4.5 bis f/22. Gute Resultate sind möglich, wenn auch die Aufnahmen nach heutigen Standards bei offener Blende manchmal an den Rändern – wie bei allen dreilinsigen Objektiven – etwas unscharf sind. Lubitel-Kameras werden oft von Kunstfotografen oder Amateuren verwendet, die preiswert die Mittelformat-Fotografie kennenlernen möchten.“ Quelle: Wikipedia

Aber alles das wusste ich damals noch nicht. Was ich wusste war: Ich hatte eine eigene Kamera! Ok, die Kosten für Filme und deren Entwicklung zwangen mich extrem sparsam mit den 12 Fotos umzugehen die auf einen Film passen. Eine Beschränkung die ich immer noch nicht richtig ablegen kann, selbst wenn meine Speicherkarte mir freien Platz für 2.000 Fotos verspricht. Damals war die Zahl 12. Und dann ist Schluss.

Den nächsten Schritt machte ich mit 14 oder 15. Und wieder bei dem besagten Onkel. Der wohnte in einer anderen Stadt und holte meinen Bruder und mich in den Ferien auch schon mal eine Woche oder zwei zu sich und seiner Familie. Teenager waren Ende der 1970er nicht anders konfiguriert als heute. Denen ist chronisch langweilig. So auch mir. Mein Onkel drückte mir seine Nikon FE mit dem ƒ1.4/50mm in die Hand, erklärte mir wie der Film eingelegt wurde, der Schnittbildsucher funktioniert und worauf ich bei der Belichtung achten sollte. Dann gab er mir 2 SW-Kleinbildfilme mit den Worten in die Hand: „Du kommst erst wieder wenn es dunkel ist und beide Filme voll sind.“ Dann ging ich los, versuchte mich in der Stadt nicht zu verlaufen und machte die gewünschten 72 Fotos. Am nächsten Tag ging es in die Dunkelkammer, Filme entwickeln und Abzüge anfertigen. Auch hier gab es eine Kurzeinweisung und danach „machte ich mal“. Das war einer der Schlachtrufe der 68er, einfach mal machen.

Warum ich keine der Bilder aus der Zeit hier zeige? Weil ich mich schäme. Ich würde mich weniger schämen wenn meine Tochter, die jetzt in das Alter kommt an der ich an der Nikon hantieren durfte, nicht auch gerade anfangen würde etwas „ernster“ zu fotografieren. Und was dabei rauskommt beeindruckt mich enorm:

Nun ja, was soll man auch anderes erwarten wenn man Menschen Türen öffnet und sie sich dahinter wohl fühlen. War bei mir ja auch nicht anders …

PS: Ich habe mir das Nikon-Objektiv samt Adapter vor ein paar Jahren für meine Alpha 7 gebraucht gekauft. Auf den Schnittbildindikator muss ich verzichten, aber sonst macht es immer noch so viel Spaß wie damals®. Wo die Lubitel verloren ging? Keine Ahnung, aber traurig bin ich darüber schon ein Stück …

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